Was ist für uns Karmelitinnen so unbedingt wichtig, warum leben wir hier in der Klausur eines Klosters? Wem jagen wir nach? Hast Du schon einmal mit Aufmerksamkeit die liturgischen Texte zu Fronleichnam gehört oder gelesen? Oder vielleicht die in den Weihnachtstagen? Da heißt es immer wieder: „Der einziggeborene Sohn Gottes nahm unsere Natur an, weil er uns Anteil geben wollte an seiner Gottheit.“ Diese Aussage, dass wir Anteil bekommen sollen am Leben Gottes selbst - findest Du nicht auch, dass das eigentlich eine ungeheuerliche Behauptung ist?
Vor einigen Jahren war eine Gruppe von Studenten und Studentinnen bei uns im Sprechzimmer, um einiges über das Leben im Karmel zu hören. Ich erzählte ihnen, dass gerade das unsere große Sehnsucht ist, nämlich, zur Vereinigung mit Gott, zur Teilhabe am Leben Gottes zu gelangen. Darüber waren diese interessierten jungen Leute sehr erstaunt und meinten, das hätten sie doch noch nie gehört und davon stünde doch nichts in der Hl. Schrift. Sehr überrascht waren sie, als wir dann gemeinsam einige Texte lasen, wo auch davon die Rede ist. Im 2. Petrusbrief 1,4 z. Bsp. steht eindeutig, dass wir „an der göttlichen Natur Anteil erhalten sollen.“
Tatsächlich ist es ja so, das finden wir ja auch, diese Aussage ist so grandios, übersteigt unseren Erfahrungshorizont so sehr, dass wir sie einfach hinnehmen wie andere abstrakte Theorien auch, die uns nicht weiter berühren. Nun ist aber gerade das, nämlich die Teilhabe am Leben Gottes, unsere eigentliche Bestimmung. Wir sind als Menschen Lebewesen, die sich von Anfang an nicht im Zustand der reinen Natur befinden, sondern sind dazu bestimmt, zur Übernatur, nämlich zur Teilhabe am göttlichen Leben zu gelangen. Gregor von Nazianz drückt das kurz so aus: „Der Mensch ist ein der Vergöttlichung fähiges Lebewesen.“